Martina Bruseberg und Jan-Olav Hinz

Aus der Einleitung Gesundheitsförderung mit der Feldenkrais-Methode:

Information und Hilfe für Klienten und ihre Angehörigen, Ärzte und Krankenkassen ...
Sie gibt Einblick in die Methode und deren Nutzen im medizinischen Kontext wie auch in den derzeitigen wissenschaftlichen Forschungsstand zur Feldenkrais-Arbeit bei gesundheitlichen Fragestellungen.

 

Das Interesse an der Feldenkrais-Methode

ist seit den 80er Jahren kontinuierlich gewachsen. Dabei stehen unter gesundheitlichen Aspekten das Interesse an Prävention und Gesundheitsförderung im Vordergrund

Sowie der Nutzen, den die Methode als komplementäres Verfahren bei neuronalen, motorischen und psychischen Genesungsprozessen bietet. Solche gesundheitlichen Fragestellungen sind oft begleitet von dem Bedürfnis, mehr über die aktuelle wissenschaftliche Forschung zu erfahren, insbesondere dann, wenn Patienten die Feldenkrais-Methode als ein Element in ihrem Behandlungsplan wünschen.

Diese Broschüre soll Information und Hilfe für Klienten und ihre Angehörigen, Ärzte und Krankenkassen sein. Sie gibt Einblick in die Methode und deren Nutzen im medizinischen Kontext wie auch in den derzeitigen wissenschaftlichen Forschungsstand zur Feldenkrais-Arbeit bei gesundheitlichen Fragestellungen. [...]

Die Feldenkrais-Methode

Das Zentrum der Methode bildet die menschliche Fähigkeit zu lernen und sich lernend wechselnden Bedingungen anzupassen. Das Kind lernt, indem es die Informationen aus den Sinneszellen der Muskeln, Gelenke und inneren Organe mit den Informationen aus der Umwelt in Beziehung setzt. Geleitet wird es von dem Bestreben, innere Bedürfnisse mit dem geringst möglichen Aufwand aus der Außenwelt zu befriedigen. Feldenkrais spricht von organischem Lernen. Durch Wiederholung der erfolgreichsten Bewegungsvarianten entwickelt das Kind Handlungsmuster, die im Zentralen Nervensystem (ZNS) verarbeitet werden. Das Handeln wird einfacher und effizienter.

Die Fähigkeit, sich lernend neuen Bedingungen anzupassen, tritt im Laufe des Lebens bereits im Alltag in den Hintergrund, wird aber insbesondere durch Traumata oder Erkrankungen eingeschränkt. Die Feldenkrais-Methode als Lernmethode mit therapeutischem Nutzen bietet hier einzigartige Instrumente dieses Lernvermögen wieder zu aktivieren.

Verändert sich die Umwelt, sind körperliche Möglichkeiten nicht ausgebildet oder gehen verloren, ist es von großer Bedeutung, dass die Betroffenen erneut beginnen, ihre veränderten Möglichkeiten in ein für sie angemessenes Gleichgewicht zu bringen. Hier setzt die Feldenkrais-Methode an. Ausgehend von der lebenslangen Fähigkeit unseres Gehirns zu lernen, eröffnet die Methode die Möglichkeit, in der Bewegung bewusst den inneren Empfindungen zu folgen und damit die motorischen Fähigkeiten, das Selbstempfinden und den Kontakt zur Umgebung zu differenzieren. Die Methode fördert die Fähigkeit zur Selbst-regulation bei dem Betroffenen, stärkt das Selbstvertrauen, erleichtert die Bearbeitung von Belastungen. Die (Eigen-) Wahr-nehmung wird verfeinert, negative Emotionen, Schmerzen und Bewegungseinschränkungen lassen sich verbessern. So werden mithilfe der Feldenkrais-Methode ungenutzte persönliche Ressourcen mobilisiert und Gesundheitsrisiken reduziert.

Gesundheitsverständnis

Das oben beschriebene Selbstverständnis der Methode entspricht dem umfassenden Verständnis von Gesundheitsvorsorge, wie es die Weltgesundheitsorganisation WHO in der Ottawa-Charta zur Gesundheitsförderung von 1986 niedergelegt hat. Insbesondere bei der Entwicklung persönlicher Kompetenzen bietet sich die Feldenkrais-Methode für die Gesundheitsförderung an. Die Konzepte des lebenslangen Lernens, der Mobilisierung individueller Ressourcen, der Erweiterung von Kompetenzen zur Bewältigung von Stress und anderer Belastungen (»coping«) sind essenzielle Bestandteile der Methode. Sie ist individuell und erfahrungs-bezogen.
Die in dieser Broschüre zusammengetragenen Forschungs-ergebnisse und Praxisberichte belegen darüber hinaus, dass die Feldenkrais-Methode als komplementäre Methode auch in der Primärprävention (z.B. vor Erkrankungen des Muskel-Skelett-Systems oder bei der Stressprävention) und der Behandlung (Sekundär- und Tertiärprävention) verschiedener akuter Erkrankungen Wirkung zeigt.
Dabei geht das der Feldenkrais-Arbeit eigene Verständnis von Gesundheit in bestimmter Weise noch über den Ansatz der Weltgesundheitsorganisation hinaus, die in ihrem Gründungsdokument von 1947 Gesundheit als einen Zustand vollständigen körperlichen, psychischen und sozialen Wohlbefindens und nicht allein als die Abwesenheit von Krankheit definiert hatte. Teile der Hirnforschung, des neuen Forschungsgebietes der Psychoneuroimmunologie und der Sport- und Bewegungswissenschaften untersuchen heute die Wechselwirkungen von Gedanken, Gefühlen und Stimmungen mit körperlichen Empfindungen. Stress oder Trauer können das Immunsystem schwächen. Depressionen beeinträchtigen den körperlichen Zustand und umgekehrt können Bewegung und Lauftraining die geistigen Fähigkeiten verbessern. Die jüngste Forschung zeigt, dass jedes Erleben einschließlich des Denkens auf Bewegung und Körperwahrnehmung rückwirkt. Die Feldenkrais-Methode biete einen schnellen und unmittelbaren Zugang, diese Wechselwirkung zu beeinflussen.

Anwendungsformen und Gebiete

Im Gruppenunterricht »Bewusstheit durch Bewegung« lernen die Teilnehmenden, Bewegungen im Detail zu erforschen und in einer ihnen ungewohnten Weise zu koordinieren. Sie bekommen Hinweise zum Bewegungsvorgang und lernen, die auftretenden Bewegungsempfindungen und -zusammenhänge wahrzunehmen. So entwickeln die Teilnehmenden Bewusstheit über die eigene Selbstorganisation und bisher vernachlässigte Möglichkeiten. Die Kursthemen sind auf die Anliegen und Bedürfnisse der Teilnehmer abgestimmt.

In der Einzelstunde »Funktionale Integration« findet überwiegend ein nonverbaler Dialog zwischen Feldenkrais-LehrerIn und KlientIn statt. Man wird passiv bewegt und darin unterstützt, seine Aufmerksamkeit auf das innere Bewegungsempfinden zu richten. Neue Bewegungserfahrungen können so, bei erheblich reduzierter muskulärer Haltearbeit, adaptiert und integriert werden. Aktiviert wird das Potenzial des Nervensystems, die von außen kommenden
Informationen aufzunehmen und zu verknüpfen; hierdurch erweitert sich das Bewegungsrepertoire. Die Klienten können das verbesserte Körpergefühl zur schmerzfreieren und effektiveren Organisation eigenen Handelns nutzen und ihr Selbstbild verändern.

Typische gesundheitliche Anwendungsgebiete der Methode sind

  • Prävention bei einseitigen Bewegungsanforderungen am Arbeitsplatz
  • Orthopädische Krankheitsbilder, wie Schmerz-Syndrome,Verletzungsfolgen, degenerative Wirbelsäulenerkrankungen u.a.
  • Entwicklungsstörungen bei Kindern
  • Rehabilitation neurologischer Störungen, MS, Schlaganfall,
    Parkinson-Syndrome u.a.
  • Begleitung von Psychotherapien bei psychosomatischen Krankheitsbildern

Qualitätssicherung und Kosten

Der Feldenkrais-Verband Deutschland e.V. – gegründet 1985 – ist Mitglied im internationalen Dachverband, der Internationalen Feldenkrais Föderation (IFF). Die Ausbildung zum/zur »Gilde-lizenzierten« Feldenkrais-LehrerIn unterliegt internationalen Standards. Der Erhalt der »Gilde-Lizenz« setzt regelmäßige Fortbildung nach festgelegten Kriterien voraus und muss alle zwei Jahre erneuert werden. Die ethischen Richtlinien des Feldenkrais-Verbandes Deutschland e.V. sind bindend für seine Mitglieder. Die Leistungen der Feldenkrais-LehrerInnen werden überwiegend privat abgerechnet. In Ausnahmefällen können die Kosten jedoch von den gesetzlichen Krankenkassen erstattet werden. Dafür ist eine ärztliche Verordnung notwendig, sowie der Nachweis, dass die zu therapierenden Beschwerden mit anderen anerkannten Heilverfahren nicht gelindert werden konnten. Auch dann besteht allerdings kein Anspruch auf eine Erstattung. Die Krankenkassen
geben Auskunft zur Kostenübernahme. Einige private Krankenversicherungen bieten Zusatzverträge an, in denen die Feldenkrais-Methode enthalten ist. In der Beihilfe für Beamte oder Angestellte des öffentlichen Dienstes ist die Feldenkrais-Methode als Heilbehandlung eingestuft und beihilfefähig, wenn sie ärztlich verordnet wird und wenn die ausführenden Feldenkrais-Lehrer in ihrem Grundberuf kassenabrechnungsfähig sind.

 


Dieser Text ist die Einleitung von Martina Bruseberg und Jan-Olav Hinz aus:
Gesundheitsförderung mit der Feldenkrais-Methode
Herausgeber: Feldenkrais-Verband Deutschland e.V. © Mai 2008, 3. Auflage